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  • Sebastian Jahnz

Digitalisierung? Das ist etwas für die Anderen!

Seit mehr als zwei Jahren tingele ich durch die Gremien von Kreisen, Distrikten und Arbeits-gruppen, um dort für eine positive Haltung gegenüber digitaler Formen der Parteiarbeit zu werben. Das ist mitunter ein sehr mühsames Unterfangen und die Diskussionen verlaufen häufig nach einem ähnlichen Muster: sehr abstrakt, sehr problemorientiert und wenig konkret. Die Digitalisierung wird unter Gremienmitgliedern häufig als ein pauschaler Angriff auf den Datenschutz, auf das traditionelle Parteileben und auf die ältere Mitgliedergeneration gehandelt. Die Bereitschaft, sich mit dem etwaigen Nutzen konkreter digitale Instrumente, Formate und Verfahren zu beschäftigen, ist dem entsprechend schwach ausgeprägt.


Nun plötzlich scheint das alles anders. Seit dem Beginn des sog. Shutdown, der nicht nur das öffentliche Leben, sondern auch das der Partei weitgehend zum Erliegen gebracht hat, ist die Landesorganisation täglich damit beschäftigt, Anfragen von Funktionär*innen, Abgeordneten und Kolleg*innen nach digitalen Instrumenten zu bearbeiten. Solche digitalen Hilfsmittel werden jetzt dringend benötigt, um das Parteileben und die Parteiarbeit während der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen aufrecht zu halten: Mit WhatsApp bilden sich virtuelle Gruppen, man verabredet sich zu Telefon- und Video-Konferenzen oder streamt Veranstaltungen als Online-Webinar. Die Anzahl der Nutzer*innen der SPD-Cloud hat sich in den letzten drei Wochen nahezu verdoppelt.


Der Grund für die derzeitige Konjunktur digitaler Instrumente liegt auf der Hand: Jetzt, wo wir in unserer Mobilität und unseren Kontaktmöglichkeiten stark eingeschränkt sind, offenbart sich der Nutzen digitaler Formen gemeinschaftlicher Zusammenarbeit in vollem Umfang (selbiges gilt übrigens nicht nur für Parteien, sondern genauso für Unternehmen, Vereine, Behörden, Bildungseinrichtungen usw.). Denn das Digitale bietet für die Parteiarbeit einen (zusätzlichen) virtuellen Raum, zu dem wir auch Zugang haben, wenn uns – wie zurzeit der Fall – die unmittelbare physische Teilnahme an Parteiveranstaltungen nicht möglich ist. Es ist dieser momentan offensichtliche Nutzen, dem die Digitalisierung ihr neu gewonnenes Ausmaß an Akzeptanz und Experimentierfreude in der Partei verdankt.


Doch in Wirklichkeit gab es diesen Nutzen auch schon immer: auch vor der Corona-Krise waren digitale Instrumente schon potenziell geeignet und hilfreich, Mitgliedern die Teilhabe und die Beteiligung am Parteigeschehen zu ermöglichen. Besonders denen, die aus familiären, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen nicht zu einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Ort bei einem Parteiereignis anwesend konnten. Für solche Mitglieder bedeutet Digitalisierung nichts Abstraktes oder Bedrohliches, sondern etwas Konkretes und Nützliches, das ihnen Beteiligung, Transparenz und Einfluss aus der Distanz ermöglicht. Die SPD muss dem immer größer werdenden Teil von Menschen, für die Digitalisierung ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens und das Digitale als politischen Partizipationsraum betrachtet, entsprechende Angebote machen.


Aber gerade diejenigen, die die Digitalisierung von Parteileben und -arbeit eigentlich am besten vorantreiben könnten, können in der Digitalisierung verständlicherweise nur einen geringen Nutzen für sich selbst erkennen. Denn für viele aktive SPD-Mitglieder, die als Vorstände, Besitzer*innen oder Delegierte das Parteigeschehen maßgeblich mitgestalten und mitprägen, funktioniert die SPD am besten genauso (analog) wie sie es bisher war: Diejenigen, die in den Gremien an den Diskussionsrunden zur Digitalisierung teilnehmen, sind eben auch diejenigen, die die Zeit, Freiheit und Konstitution aufbringen können, sich regelmäßig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort vis-á-vis zusammenzufinden, sich gegenseitig zu informieren, Meinungen auszutauschen und mitzuentscheiden. Es ist allzu verständlich, dass die Gruppe der präsenten SPD-Mitglieder nur schwer von dem Nutzen digitaler Formate zu überzeugen ist.


Aus diesem Grund enden meine Vorträge zur „digitalen Organisationsentwicklung“ daher immer mit dem Appell an die Anwesenden, ihre Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen der Digitalisierung nicht aus ihrer eigenen Perspektive heraus vorzunehmen, sondern aus der Perspektive der vielen anderen Mitglieder, die – aus welchen Gründen auch immer – grade nicht anwesend sein können oder wollen. Denn um die Einbeziehung genau dieser Anderen in das Parteigeschehen geht es bei der Digitalisierungsdebatte in erster Linie.


Derzeit gehören wir alle – inklusive der Aktiven, Funktionär*innen und Hauptamtlichen – zu jener großen Gruppe der „Anderen“. Die Corona-Krise hat den Unterschied zwischen aktiven und passiven Mitgliedern temporär weitgehend aufgehoben und uns alle zu vorübergehender Passivität verdammt. Wenn überhaupt, können wir Parteileben und -arbeit gerade lediglich aus der Distanz heraus organisieren bzw. uns daran beteiligen. Daher schlägt gerade jetzt in vielen Gremien die große Stunde des Digitalen und man darf in dieser Situation vielleicht darauf hoffen, dass diese Erfahrungen auf allen aktiven Ebenen der SPD Hamburg zu einem Abbau von Wiederständen gegen die Digitalisierung und zur Einsicht in den praktischen Nutzen neuer, digitaler Formen der Parteiarbeit führt.

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